Dez
30
2010
Im Winter ist es glatt
Autor: Glatteis-Tipps.deIm Winter ist es glatt. Doch wird die Glätte nicht beseitigt und der Weg nicht gekehrt, dann wird vieles umgekehrt: Die Verhältnisse und manchmal auch die Perspektive. Denn die Kälte macht, dass rauh bedeckt ist, was vorher glatt war – zum Beispiel die Autoscheibe – und dass glatt ist, was normalerweise griffig und fest – der Boden. Lassen die glatten Bodenverhältnisse auf dem umgekehrten Weg uns kopfüber zu Boden taumeln, dann ist auch die zweite beschriebene Auswirkung der Winterkälte eingetreten: wir stehen Kopf, unsere Perspektive ist verkehrt.
©Dieter Schütz/pixelio
Auch wenn uns bei unserem Sturz ein Schrecken in die Glieder gefahren ist, auf den zweiten Blick stellen wir fest, dass die verkehrte Perspektive interessant ist: Die Menschen um uns herum haften gegen die Regeln der Physik kopfüber am glattgefrorenen Boden. In diesem, über unserem Schädel, spiegelt sich der hellblaue Winterhimmel. Kleine Flocken sausen aus der Leere zu unseren Füßen hoch in diesen eisglatten Himmel, auf dem unser bemützter Kopf nun ruht. Auch das Blut zieht es hoch, nein hinunter, in unseren Kopf auf dem harten Grund. Wir beginnen schneller und präziser zu denken. “Wird schon alles glattgehen.”, hatte uns ein wohlmeinender Mitmensch am Morgen noch mit auf den glatten Weg gegeben. Hätte er gewusst, wie recht er haben würde. Und wie falsch er damit gelegen hatte. Besser gesagt, wie falsch herum er, der Gestürzte, damit liegen würde. Nämlich, jetzt, hier, auf dem glatten Boden.
Das viele Blut, das das Gehirn nun umströmt und die verkehrte Perspektive tun ihr Übriges, dass wir zu nie gekannter Geistesgröße gelangen. “Oben ist unten, unten ist oben, Schneeflocken können auch aufwärts fliegen.” Das ist der erste Schwall an Erkenntnissen, die unser zu neuer Sichtweise gezwungenes Gehirn ausspuckt. “Wenn etwas zu glatt geht, dann ist das nicht gut.”, ist sein nächster Gedanke. “Denn,”, so fährt es nun fort, “zu glatt kann bedeuten, zu schnell, zu uninteressant, zu reibungslos.” “Ah ja.”, sagt sich der Gestürzte. Er ist in seiner ungewöhnlichen Position überfordert von so viel Weisheit und kann seinem Gehirn nicht mehr ganz folgen. “Apropos reibungslos”, fährt die weise weiße Masse nun fort: “wenn Dinge reibungslos laufen, dann ist das nicht unbedingt die beste Variante.” “Ah ja.”, akzeptiert der Gestürzte auch dieses. “Denn nur aus Fehlern lernt man.”, redet das Gehirn weiter. Der Gestürzte will nicken, was aber nicht geht, da er ja auf dem Kopf steht. Doch das Gehirn referiert schon wieder: “So wie du, – du wirst jetzt gelernt haben: Im Winter ist es glatt.” Und es fährt fort: “Merke dir: Manchmal ist es besser, wenn es nicht so glatt ist, damit man den Halt nicht verliert, so wie du,…”, und kichert dabei ein wenig schadenfroh. Und so, wie es sich in seinem Vortrag gefällt, merkt es gar nicht, dass der Gestürzte schon die Augen verdreht. “Reibung ist das Stichwort”, setzt es seine Rede fort, “denn Reibung erzeugt Wärme. Und die brauchst du ja, besonders in diesem eiskalten Winterwind.”
Und es ahnt nicht, wie recht es damit hat. Denn der eiskalte Winterwind plus die sprudelnden Weisheiten seines überaktiven Gehirns haben unseren Gestürzten nun vollends geschafft: Er liegt zusammengesackt auf dem Boden. “Reibung erzeugt Wärme.” “Reibung erzeugt Wärme.” “Reibung erzeugt Wärme.” hört er jetzt eine Stimme, nein mehrere Stimmen, die immer lauter werden. Der Gestürzte schlägt die Augen auf. Mitmenschen, die nicht mehr wie Fliegen an der Decke kleben, sondern auf dem gefrorenen Boden um ihn herum stehen, bemühen sich um ihn. Sie haben ihn in eine Decke gewickelt und ein altes Mütterchen sagt immer wieder “Reibung erzeugt Wärme.”.
Der Gestürzte rappelt sich auf, schüttelt seinen Kopf mit seinem naseweisen Gehirn darin und geht schleunigst nach Hause. Dort wird er empfangen von dem wohlmeinenden Mitmenschen von heute morgen. “Was war denn los? Alles glatt gelaufen?” fragt dieser neugierig und ein wenig verwundert. “Ach”, fängt der vorhin Gestürzte nun an, will die ganze absurde Geschichte von der umgekehrten Perspektive und der Reibung und der Wärme erzählen, erklärt seinem verdutzten Mitmenschen dann aber nur: “Im Winter ist es glatt.”